27. Juni 2019

Green Thinking

Der Nachhaltigkeitsforscher.

Stephan Hankammer, Juniorprofessor für Nachhaltige Unternehmensführung und Entrepreneurship an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, spricht im Interview über geldwerte Motivation, den sozialökologischen Pfad nicht allein der Fridays-for-future-Generation zu überlassen.

 

Herr Hankammer, der Autozulieferer Bosch strebt bis zum Jahr 2020 Co2-Neutralität an. Klar ist auch, mit welchen Mitteln: Statt der Errichtung von hunderten Windrädern setzt man auf einen Maßnahmenmix.

Stephan Hankammer: Ja, man hat es durchgerechnet und sich zu einer ganzheitlichen Strategie entschieden. Das bestätigt auch eine grundsätzliche These von meinen Kollegen und mir: Erst die Kombination vieler Einzelmaßnahmen bringt Unternehmen auf den sozialökologischen Pfad.

„Eine Digitalisierung, die nicht auf Basis von Nachhaltigkeitszielen umgesetzt wird, kommt uns teuer.“
Stephan Hankammer, Juniorprofessor für Nachhaltige Unternehmensführung und Entrepreneurship an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft

Wie erklären Sie sich, dass Industriekonzerne jetzt vermehrt auf diesen Pfad einschwenken?

Hankammer: Im unserem Forschungsfeld besteht schon länger Konsens darüber, dass es große Chancen bietet, die Digitalisierung mit ökologischen Gesichtspunkten zu verknüpfen. Auch wenn sich die beiden Aspekte in vielen Köpfen antagonistisch, also als Extrempole, gegenüberstehen. Auch als Unternehmen gibt es gute Gründe, über die Folgen von Klimawandel, den Verlust von Diversität und Artenvielfalt nachzudenken. Seitdem Vertreter der Fridays-for-future-Generation auf die Straße gehen und klipp und klar sagen, dass es so nicht weitergehen kann, nimmt das Thema zusätzlich an Fahrt auf. In der gesamten Gesellschaft. Und damit auch in der Industrie. Aber es spielen auch andere Gründe mit.

„Schon Schumpeter wusste um die Kraft der schöpferischen Zerstörung.“

Stephan Hankammer, Nachhaltigkeitsforscher 

Der Druck des Gesetzgebers?
Hankammer: Der auch. Und natürlich auch das gute Gefühl dazu beizutragen, den ökologischen Fußabdruck kleiner werden zu lassen. Unternehmen sollten aber auch keine Schüchternheit an den Tag legen, wenn es um das Schaffen von neuen Wettbewerbsvorteilen geht. Denn diese liegen bei Unternehmen wie Bosch ebenso am Tableau des Entscheidungskalküls. Sie lassen frühzeitig Innovationsdruck in ihren Organisationen zu und arbeiten sich so einen Vorsprung auf den Mitbewerb heraus.

Unternehmen denken heute verstärkt in Richtung speed factories, kleineren und flexibleren Produktionen, der Sportartikelhersteller Adidas macht es gerade vor. Eine Zäsur, denn jahrzehntelang holte man sich in der Massenfertigung seine Skaleneffekte ab. Ist diese – aus Nachhaltigkeitssicht – gescheitert?

Hankammer: Es stimmt – bei speed factories stehen beispielsweise geringere Müllmengen dank des build-to-order-Ansatzes auf der Habenseite. Heutige Massenfertigungen sind je nach Ausgestaltung entweder besonders nachhaltig oder besonders unnachhaltig. Potenzial, die Ökobilanz aufzubessern, gibt es hier wie dort. Neue digitale Geschäftsmodelle können dafür ein Riesentreiber sein. Der deutsche Sensorenhersteller Fraba ist so ein Beispiel. Er setzte eine digitale Plattform für die individuelle Konfiguration und die Bestellung von Sensoren für die industrielle Automation auf. Mit dieser lassen sich nun auch ältere Maschinen mit Ersatzteilen versorgen – weltweit und völlig unkompliziert. Man lässt alte Maschinen also weiterleben. Schon Schumpeter wusste um die Kraft der schöpferischen Zerstörung.

Dazu braucht es neue Arbeitsformen?

Hankammer: Bei der Entwicklung des Streetscooters, einem Projekt der RWTH Aachen und der Deutschen Post, war dies deutlich zu sehen. Mittelständler aus der ganzen Region übernahmen wesentliche Aufgaben bei der Entwicklung des E-Transporters. Wir erleben einen Paradigmenwechsel. Statt hinter verschlossenen Türen sein geistiges Eigentum zu schützen, sucht man andere Wege im offenen Experimentallabor, Stichwort: Open Innovation.

Zurück zu Bosch. Wenn ein solcher Multi das Ziel der Co2-Neutralität ausruft, nimmt das auch jene im Lieferantennetzwerk in die Pflicht, oder?

Hankammer: Da gibt es keine Ausnahme. Der Automobilbauer Daimler nennt 2039 als Marke für Co2-Neutralität und hat schon klar kommuniziert, seine Lieferanten zu verpflichten, diese Reise mitzugehen.

Daniel Pohselt


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