7. Februar 2019

Digitalisierung

Die Disruptorinnen der Industrie

Sie sind hierarchieentwöhnt, agil und brechen in ihren Organisationen mit so manchem Tabu: Das sind die digitalen Vordenkerinnen der Industrie.

Das Tagesgeschäft: reibungsfrei. Der Arbeitsalltag: hierarchieentwöhnt. Die Organisation: ein Ideenpool. Für neue digitale Services. Produkte, wie sie der Kunde noch nicht gesehen hat. Auch gern disruptiver Art. Immer öfter ist das das Wunsch-Zielsystem, dem Unternehmen entgegenstreben. Welche Managerinnen aber sind der Transformation schon ein ganzes Stück näher gekommen? Wir haben nach den disruptiven Kräften der heimischen Industrie gesucht – und wurden fündig.

DIE ÜBERZEUGTE
Das Angebot, die Österreich- Geschäftsführung von Knauf zu übernehmen, konnte Ingrid Janker nicht ausschlagen. Jetzt macht sie Tempo bei BIM.

Die Knauf-Welt hat es ihr angetan: Knauf Österreich-Geschäftsführerin Ingrid Janker © Knauf

Sie studierte internationale Wirtschaftsbeziehungen an der FH Eisenstadt, und das war ein zweifaches Glück: Die Wirtschaftswelt zog Ingrid Janker seit jeher in den Bann. Und dann war da noch ein Studienkollege, der schwärmte ohne Ende: „Vom Arbeitgeber Knauf, bei dem das Berufspraktikum so spannend sei“, schmunzelt Janker. Wenig später heuerte sie dann selbst beim Hersteller für Trockenbau- und Spachtelsysteme an. Erst jobbte sie als Vertriebsleiterin in Rumänien, bald folgte die Bestellung zur Geschäftsführerin in Bulgarien. 2015 folgte sie dem Ruf aus Österreich: Sie folgte Langzeitchef Otto Ordelt in der Geschäftsführung von Knauf Österreich und Slowenien nach. Was angefangen wurde, wird nun intensiv fortgesetzt: An BIM-Strategien feile man mit Nachdruck, mit BIM-Portal und BIM-Bibliotheken setze man schon Akzente in der Branche. Die braucht es auch, die jährlichen Produktivitätssteigerungen im Baugewerbe fielen zuletzt eher mager aus. Janker, die sich auch in der Start-up- Szene informiert, sieht demnach nur eine Alternative: „Soll Wohnen wieder leistbarer werden, braucht es die Digitalisierung.”

DIE AGILE
Das nennt man Blitzkarriere: Olga Schausberger-Mayr treibt beim Elektronikriesen Siemens für 19 Sparten die Digitalisierung voran.

Ständig auf der Achse: Olga Schausberger-Mayr, Head of Business Development Process Industries and Drices CEE, Siemens © Siemens

Sie hat mit Managern und Fachleuten der Öl- und Gasindustrie ebenso zu tun wie mit „Production Guys“ des verarbeitenden Gewerbes. Kennt die Gesetzmäßigkeiten der Märkte für Tiefpumpen ebenso profund wie jene für Hocheffizienzantriebe in der Industrieautomation. An einem Tag ist sie in Israel, am nächsten schon wieder in Rumänien oder der Ukraine. Es hätte auch anders kommen können. Nach der HAK-Matura inskribierte sich Olga Schausberger-Mayr in Wien erstmal für Architektur – und merkte bald, dass ihr die Wirtschaft, das Entwickeln von Strategien und das Gestalten in einem technischen Umfeld mehr liegt. Für 19 Länder leitet die WU-Absolventin das Business Development in der Siemens-Division Process Industries and Drives CEE. Ein richtiges Länderkonglomerat sei das hier in Wien, das schätzt sie. Weniger, dass einige Länder im Osten durch politische Instabilitäten oder Unruhen zurückgeworfen würden. Spannender könnten die Zeiten dennoch nicht sein: Die Digitalisierung nimmt Fahrt auf, „auch in unserem Living Lab Process Industries in Wien“, so Olga Schausberger-Mayr.

DIE VIELSEITIGE

Andrea Domberger leitet in Laakirchen die Geschäfte des gesamten Miba-Gleitlagerbereichs – und setzt auf digitale Innovation.

Nimmt ihre Digitalisierungsagenden ernst: Miba-Managerin Andrea Domberger © Gerald Riedler/Miba

„Ansagen, die halten, und ein Miteinander auf Augenhöhe“: Andrea Domberger hat sich – daran lässt die „Neue“ nach ihren ersten hundert Tagen keinen Zweifel – gut bei Miba Gleitlager Austria eingelebt. Sie schätze das Klima in dem eigentümergeführten Unternehmen – und ja, mit seinen rund 700 Mitarbeitern sei der Standort in Laakirchen auch eine große Nummer. Die Digitalisierung hat die Zulieferindustrie wie viele andere Branchen erfasst – in der Fertigungsprozesskette geht es darum, in einem durchgängigen Datensystem zu arbeiten und dadurch Synergien zu schaffen. Gefragt ist also die Generalistin in Domberger – was der ausgebildeten Technischen Chemikerin sehr zupass kommt: „Ich arbeite gern in der Breite“, sagt sie. Zeugnis davon legt auch ihr bisheriger Werdegang ab: Beim Wieselburger Leuchtenhersteller ZKW war sie die rechte Hand des damaligen Werksleiters Wolfgang Vlasaty, beim Beschlägehersteller Maco verantwortete sie zuletzt als Bereichsleiterin Technik fünf Standorte.

DIE SPORTLICHE
Liebt die Freiheit und Judo: Lisa Wöss managt bei Pöttinger die Innovation.

Wurde als die “Revierfremde” rasch bei Pöttinger akzeptiert: Innovationsmanagerin Lisa Wöss © Pöttinger Landtechnik

Als bisher größten beruflichen Meilenstein ihrer Karriere nennt sie die gemeinsame Einführung der agilen Produktentstehung 2017. Auch sonst behielt Wöss das Thema bei: Nach nur vier Jahren als Innovationsmanagerin bei Pöttinger hat sie 2017 ebenfalls die Leitung für den kompletten Bereich Innovation und Technologiemanagement übertragen bekommen. Mit bravem Konformismus kann die mehrfache Judo-Staatsmeisterin, die als „Revierfremde“ mit radikalen Innovationsmethoden wie Google-Gründer Larry Pages „10 x Thinking“ das Senioritätsprinzip in Entwicklerkreisen aushebeln soll, nicht dienen. Dafür nimmt es der Vorstand mit den Zielvereinbarungen im Vertrag der 31-Jährigen (O-Ton Wöss: „Das motiviert zusätzlich“) auch nicht so ernst.

Autor: Daniel Pohlselt


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