19. September 2019

Young Talents

Generation Greta: 25 Talente, die Ihr Geschäftsmodell verändern

Sie leben im Jetzt, brennen für die gute Sache und in (fast) jedem ihrer Sätze liegt Weisheit: Mit der Generation Z stehen die Social Natives im Einzugsgebiet der Industrie. 25 (sehr) junge Genies, auf die man schon besser heute hört.

 

Sie haben die Jugend für sich gepachtet. Alles geht ihnen einfach und leicht von der Hand, wie es den jungen unverbrauchten Wirbelwinden, zu denen wir uns gerade noch selbst zählten, eben ergeht. Insularer Bartwuchs, Schlabberpulli, Sneakers? Das sind Erkennungsmerkmale der Generation Z, der Jahrgänge ab 1997. Müßiggang, Binge Watching, Muttizettel? Eher nicht.

„Hey, hey, leider schaffe ich es im Regelfall aufgrund meines Zeitplans nicht, unter einem Zeitfenster von drei bis fünf Tagen auf E-Mails zu reagieren“, lässt ein Teeniemanager in einer Autoreply-E-Mail Kunden nonchalant wissen. Der Halbwüchsige, einer von 25 genialen Köpfen dieser Story, ist in seinem Tagesgeschäft offenbar ziemlich eingespannt (geantwortet wird dennoch prompt). Aber sind er und seine Altersgenossen auch die Hoffnungsträger, mit denen der Lackmustest der digitalen Zeitenwende gelingen kann?

Die einfache Antwort: Ja. Zu einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein der jungen Durchstarter – Kostprobe eines Twitter- Profils: „Doing my PhD at the Age of Twenty“ – oder reichlich hochfliegenden Träumen („Ich werde Kanzler!“) zählt eine Leistungsorientiertheit, die HR-Profis wie Susan Jandl von TJP auf die neuen Möglichkeiten in einer „Welt voller Bildung“ zurückführen – aber auch auf das kompetitivere Umfeld Heranwachsender – Stichwort krisengeschüttelter Arbeitsmarkt. „Man optimiert sich schon in jungen Jahren – zuweilen auch mit der Brechstange“, beobachtet ein Experte. „Familie, Freunde und das Geschäftliche“ nennt ein 15-Jähriger dieser Story wie selbstverständlich als die drei wesentlichen Eckpfeiler im Leben.

Tweets statt Tweed

Allein dieser Umstand macht den Umgang mit der „getunten Generation“ (O-Ton eines HR-Profis) zur Inspiration. Etwa in der Produktentwicklung. Ein marktfähiges Minimum Viable Product schufen viele der Generation Z schon per Internet- Videoanleitung im Kinderzimmer ihres Vertrauens. Die Gesetzmäßigkeiten der Plattformökonomie, an die sich Vertriebler der großen Industrieunternehmen soeben herantasten, hat die Generation Netflix, die das Programmieren kurzerhand als ihre „Schule des Denkens“ (ein Jung-Gründer) kaperte, im Blut. Sogar Millennials spüren sorgenvoll, dass jemand mit noch größerer Mediengewandtheit – und dramatisch kürzeren Ausbildungszyklen – nachdrängt.

Social statt Digital Natives, bei denen die fast beiläufige Aneignung von Wissen in Netzwerken jetzt zur „Grundintention gehört“, beobachtet Sebastian Eschenbach, Professor der FH Wien und Mitinitiator eines Reverse-Mentoring- Programms der Rheinischen FH Köln. Statt väterlichem Rat von Top-Managern bei 3M, Airbus oder Rheinmetall gibt es hier Ezzes für die Alten von den Youngsters.

Kein „hostile takeover“ an den Hochsitzen der Macht durch eine kaugummikauende Jungschar, aber die Tendenz ist klar: „Unendlich viele Schnittstellen zu den jungen Querdenkern zu schaffen“, beobachtet der Berater Engelbert Wimmer. Die Konsequenz: Deutschlands jüngstem Hacker rollt die Industrie den roten Teppich aus, statt ihn mit Fragen zu seinem Alter zu löchern.

Traumgagen? Ideale!

Aber halten die Jungen, die von sich selbst behaupten, noch eine Spur zu flatterhaft zu sein, „um als Vorbild zu taugen“ (eine Jungforscherin), auch dem Erwartungsdruck im Big Business stand? Erstaunlicherweise sei die No-Nonsense-Attitüde bei vielen Jugendlichen „alles andere als aufgesetzt“, beobachtet ein Berater. „Und da sind wir bei Greta“, sagt er. CSR-Abteilungen großer Corporates seien oft die „Gefangenen ihrer eigenen Propaganda“. Die Jungen dagegen wären – des Klimafrevels ihrer Vorgänger überdrüssig – bei Themen wie der Nachhaltigkeit „oftmals Überzeugungstäter“. Und so drängen viele der Jungen nicht zuallererst ins Gagenparadies, sondern wollen woanders – Stichwort Menschwerdung – vorankommen.

In der Rolle des „gehorsamen Nachwuchsbüttels des Kapitalismus“ finde man sich immer seltener zurecht. Man wolle vielmehr „natural lean“ sein, meint ein Beobachter.

Kulturrevolution

Dass viele der Jungen sich dabei nicht in die klassischen Hierarchiegefüge zwängen lassen, ist dabei nur konsequent. „Eine Welt der Dekrete nehmen sie nicht hin“, meint ein Berater. Statt es Personalverantwortlichen mal so richtig reinzusagen, gehen sie den subtileren Weg. Sie fordern dort, wo es mehr Kürzel als im US-Geheimdienst gibt, eine Stimme – der Organisationsplanung.

Sogar mit den brandaktuellen Ansätzen – etwa der hierarchieentwöhnten Arbeit in der VUCA-Welt – seien „die Jungen ganz ohne betriebswirtschaftliches Studium bestens vertraut“, sagt er. Wenn das nicht Gesprächsstoff fürs Top-Management liefert, was dann?

„Eine Kampagne mit lächelnden Teenie-Models? Schreckt jede potenzielle Nachwuchskraft ab!“ Charles Bahr, Social Media-Agenturchef © beigestellt

1. DER JUGENDVERSTEHER: Charles Bahr, 17
Social-Media-Agentur-Gründer
Neben der Schule zog er eine Agentur für Social Media hoch – und spricht mit Marketingchefs der B2B- und B2C-Welt jetzt Klartext.

„Sind Selfies noch cool, Herr Bahr?“ Das hänge „vom Filter ab“, kommt es bei Charles Bahr wie aus der Pistole geschossen. Wer mit dem heute 17-jährigen Agenturgründer redet, kann eine Menge über Social Media und die Jugend lernen. Warum 13-Jährige auf Tik Tok fliegen. Oder Facebook noch nicht abgeschrieben ist. Mit 14 gründete Bahr die Agentur Tubeconnect Media, „mit einem Kernteam aus Teenagern“ (O-Ton Bahr) erarbeitete er dort Strategien für Markenartikler wie Levi´s oder Ferrero. Mittlerweile ist das Unternehmen veräußert, in seiner neuen Firma Project Z liegt der Fokus stärker auf Kampagnen.

Schon beim Grundverständnis vieler, was denn Jugendliche anspreche, warte harte Arbeit: „Unternehmen müssen weg von klassischer Werbung“, sagt Bahr. Etwa bei der Suche nach Nachwuchskräften. Lächelnde Teenie-Kampagnenmodels? „Schrecken die Zielgruppe ab“, sagt er. Wie es geht, zeige Daimler vor. Dort bewerbe man Fahrzeuge über (autofreie) Werbung für den Führerschein, sagt Bahr.

Da sieht er sich in zehn Jahren: als Start-up-Entrepreneur
# stellte schon mit elf selbstproduzierte Videos ins Netz
# freut sich auf die Volljährigkeit und das Siegel „unbeschränkt geschäftsfähig“
# will Unternehmer mit falschem Jugendbegriff aus ihrer „Filterblase“ holen

„Mein Motto: Augen zu und durch!“
Madalena Lederbauer, mehrfache Medaillengewinnerin der Chemieolympiaden © beigestellt

2. DIE KOMPETITIVE:  Magdalena Lederbauer, 17
Schülerin, Chemie-Olympiasiegerin
Magdalena Lederbauer sucht bei ihrer großen Leidenschaft, der Chemie, den Leistungslevel.

Leidenschaft kennt keine Altersgrenze – aber mitunter überwältigt sie einen schon in jungen Jahren. Wie das bei Magdalena Lederbauer der Fall ist. Aus ihrem Interesse für die Eleganz der Naturwissenschaften wurde – dank der richtigen Dosis Motivationsrhetorik eines Lehrers – bei der Gymnasiastin der Sir-Karl-Popper- Schule in Wien-Wieden bald mehr: Bei den Chemieolympiaden in Paris und St. Petersburg – ihr Motto: „Augen zu und durch“ – holte sie heuer jeweils Silber, speziell die „hohe Rätseldichte“(O-Ton Lederbauer: „Dort werfen sie einem ständig absichtlich Steine in den Weg, so cool!“) und die ungewohnte Laborausstattung an der Ostsee gefielen ihr.

Ein Auslandsstudium erachtete sie dennoch lange nicht als Option, bis ein Zürich-Aufenthalt bei Freunden (Lederbauer: „Natürlich hörte ich vor Ort Vorlesungen“) ihre Einstellung änderte: Input, Campus und Ausstattung an der Eliteuni seien – pekuniären Einsatz ihrer Eltern vorausgesetzt – „einfach überwältigend“, sagt Lederbauer.

Da sieht sie sich in zehn Jahren: mit einiger Wahrscheinlichkeit in einem PhD-Programm
# jobbte in den Ferien als Praktikantin bei den Synthesechemikern der Wiener TU
# würde sich in Unibibliotheken am liebsten „eingraben“
# hat ein Digitalabo der Chemistry World von ihrem Taschengeld berappt

„Ausbildung? Hat Prio Eins.“ Josef Chen, Startup-Gründer © Josef Chen Velonto

3. DER GEERDETE, Josef Chen, 18
Programmierer, Start-up- Unternehmer, Velonto
Mit einer App für Lieferdienste startete ein Linzer Schüler durch.

Eine App für Lieferdienste per Rad: Dass die Idee ausgerechnet aus der Industriemetropole Linz kommt, wo der Verkehr mitunter zähflüssig tröpfelt, überrascht nicht. Warum ist jetzt kein Fahrradbote zur Stelle, dachte sich Josef Chen auch schon mal in seiner Schulzeit, wenn die Hausübung genau dort – nämlich zu Hause – liegen blieb. Solange ist das noch nicht her: Heuer maturierte er am Aloisianum (O-Ton Chen: „Schule hat Prio eins“), schon davor gründete er mit vier Mitschülern Velonto, ein Startup, dessen App sich einen KI-Algorithmus zunutze macht.

Den Prototyp in Javascript entwickelte Chen im Alleingang, „die unendlich vielen vorgefertigten Codestücke im Web“ (Chen) erleichterten ihm die Sache. Die hierarchielose Arbeit im Team aus Freunden lernte er zu schätzen. „Da gibt es keine Angst, irgendetwas Falsches zu sagen“, so Chen. Ob er dem Start-up- Business treu bleiben will? „Wir schauen uns das ein Jahr an“, sagt er. Auch eine Überarbeitung der App sowie die regionale Expansion steht an.

Da sieht er sich in zehn Jahren: in einem innovativen (vielleicht dem eigenen?) Unternehmen
# lernt nicht gern für den Lebenslauf
# war begeisterter Praktikant beim Wiener Kryptowährungs-Start-up Bitpanda
# will früher oder später auf die Uni

„Zuviel Hierarchie? Dann bleibe ich kein Jahr.“
Benjamin Wolba, Jung-Doktorand Physik © beigestellt

4. DER ANTI-HIERARCHISCHE: Benjamin Wolba, 21
Physik-Doktorand  – Das Physikgenie wünscht sich einen deutlichen Hierarchieabbau in der Arbeitswelt.

Mit 18 hatte er die Maturareife erlangt und zeitgleich schon den Bachelor für Physik in der Tasche: Benjamin Wolba, notorischer Frühaufsteher (Wolba: „Gerne vor sechs Uhr morgens“) und mittlerweile Doktorand am KIT, erreicht man dieser Tage in Tokyo. Grund seines Japan-Aufenthalts ist sein Mini-Retirement: Nicht bis zur Pension zu warten, um sich Lebensträume oder „Momente des persönlichen Vergnügens“ (O-Ton Wolba) nach Leistungspeaks zu erfüllen, erachtet Wolba – früh Fan der Relativitätstheorie – als inspirierend. Schon in seiner Schulzeit rührte er mit alternativer Pädagogik – der Idee von Schülergerichten – auf.

Ein Gleichgewicht der Kräfte sieht er auch in vielen aktuellen Jobs nicht, häufig eher sehr „durchstrukturierte Firmensysteme und Hierarchien“. „Für viele Mitarbeiter in großen Corporates ist es tabu, vor dem Chef nach Hause zu gehen“, sagt Wolba. In der Welt der KPIs, „in der Mitarbeiter wie Maschinen nach Durchsatz und Stückzahlen bemessen werden“ (O-Ton Wolba), bräuchte es den Wandel: „Dort hält es Junge wie mich kein Jahr“, sagt er.

Da sieht er sich in zehn Jahren: in der Forschung oder auch selbstständig im Start-up-Umfeld
# schrieb 2016 ein Buch zur Stärkung der Demokratie in der Schule („Bildung im Wandel“)
# publiziert im September sein zweites Buch über das Frühstudium
# erkennt in Frederic Lalouxs Organisationsfibel „Reinventing Organizations“ viel Wahres

Noel Portugal, 15, Gründer smartmarket.click © beigestellt

5. DER SMARTE: Noel Portugal, 15
Der Teenager betreibt mit seinem Freund Max Spiess mit smartmarket.click einen Webshop mit Geld-zurück-Garantie für Technik-Gadgets.

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