8. April 2019

Automatisierung

Runde Sache

Mit Software, die Anwender aus Cloud und Edge zusammenführt, läuten Hersteller von Industrieelektronik ein neues Kapitel ein.

Im Fachgespräch geben manche Siemens-Vertreter zu, dass die Edge an Bedeutung für das Geschäft gewonnen habe. Die Cloud, die von vielen Unternehmen jahrelang propagiert wurde, stößt immer noch auf Skepsis bei manchen Kunden – aus Security-Gründen, aber auch unter praktischen Gesichtspunkten, denn über 6.000 Robo-terdatenpunkte in die Cloud zu übertragen kostet Speicherplatz und Geld. „Ich bin davon überzeugt, dass die große Mehrheit der Unternehmen in Zukunft Machine Learning (ML) auf der Edge macht“, erklärt Peter Seeberg, der früher bei Intel arbeitete, bei Softing ML-Projekte verantwortete und heute Industrieanwender und dabei vor allem Maschinenbauer bei ML-Themen berät. Seine These: „Das Trainieren der Daten kann auf einem Standard-Notebook stattfinden, die Laufzeit-Modelle verrichten ihre Arbeit auf einem Industrie-PC in der Maschine; nicht anders als ein Gesichtserkennungs-Modell auf einem modernen Handy“, berichtet der Münchener.
Wie kam er dazu? „Die Kunden wollten in der Vergangenheit oft keine Cloud-Lösung, deshalb mussten wir uns eine Alternative einfallen lassen.“ Aber Seeberg ist kein Cloud-Gegner. „Wir brauchen die Cloud, aber zielgerichtet. Die Cloud muss zur Strategie des Unternehmens passen“, unterstreicht er.

Wir brauchen die Cloud, aber zielgerichtet.“

Peter Seeberg, Industrieberater

„Die Cloud muss zur Strategie des Unternehmens passen“, Peter Seeberg, Industrieberater

Anwendungen neutralisieren
Und Siemens geht auch den Weg des Machine Learnings – mit der Cloud und der Edge. Im Werk Amberg in der Oberpfalz unterstützt eine ML/KI-Anwendung die Prüfung der Leiterplatten der Steuerungen, einem der wichtigsten Produkte von Siemens. Bei der Produktion von Simatic-Produkten habe die Einbindung von Edge Computing, Artificial Intelligence (AI/KI) und Mind-Sphere bei der Qualitätsprüfung von Leiterplatten durch Röntgengeräte ihre Vorteile gezeigt, schwärmen die Verantwortlichen: Dadurch konnte die Anzahl erforderlicher Endkontrollen deutlich gesenkt werden. „Wir konnten 30 Prozent Reduktion erzielen“, berichtet Ralf-Michael Franke, CEO der Factory Automation Business Unit von Siemens stolz. Die Oberpfälzer trainieren die Anwendung weiter und vermarkten sie – der nächste quasi logische Schritt. Die Verantwortlichen wollen das ML-Tool neutralisieren und es dann als App der Elektronikfertigung weltweit zur Verfügung stellen und verkaufen. Der erste Schritt hin in Richtung Edge-App-Plattform.

Um diese App-Plattformen zu füllen, braucht es Anwendungen. Und laut den US-Tech-Analysten Forrester bietet Mendix „führende KI- und Machine-Learning-Entwicklungsfunktionen“, so heißt es in einem Report. Und deshalb forciert Siemens das Softwaregeschäft. „Wir sind Marktführer bei Industriesoftware“, erklärte Dr. Jan Mrosik, CEO der Digital Factory Division, selbstbewusst und dachte wohl nicht nur an Low Code. Die Antwort von ABB ließ nicht lange auf sich warten: Zwei Wochen später verkündeten die Schweizer eine Partnerschaft mit Dassault Systèmes.

„30 Prozent geringerer Kontrollaufwand.“

Ralf-Michael Franke, CEO Factory Automation Business Unit, Siemens

Siemens geht auch den Weg des Machine Learnings – mit der Cloud und der Edge, so Ralf-Michael Franke, CEO Factory Automation Business Unit, Siemens

Markt für Low Code
Siemens investierte in den vergangenen Jahren viel Geld in die Softwareakquise. Aus gutem Grund: „Mit Mendix haben wir nun einen Marktführer im Bereich der Low-Code-App-Entwicklung an Bord: Mit seiner Plattform und den dazugehörigen Tools und Services können Anwender ihre Apps bis zu zehnmal schneller erstellen“, hieß es bei Siemens zur Übernahme und andere Unternehmen springen auf den fahrenden Code-Zug auf. Der Markt für Low-Code-Plattformen wachse bis 2020 auf 15 Milliarden Dollar weltweit, berichtet die Simplifier AG aus Würzburg. Vor wenigen Wochen firmierte das Unternehmen um. In einer Mitteilung hieß es: „Die Würzburger iTiZZiMO AG firmiert mit sofortiger Wirkung als Simplifier AG. Mit dem Namenswechsel fokussiert sich das Unternehmen primär als Softwarehersteller der gleichnamigen Low-Code-Plattform Simplifier.“ Der Markt boomt, viele Firmen wollen davon profitieren.

Doch was ist Low Code?
Erstmal ist es eine Entwicklungsumgebung für Software. Allerdings setzt Low Code auf das visuelle Applikationsdesign und andere grafische Modellierungsmethoden. Dadurch wird die Entwicklungs- und Bereitstellungszeit für Geschäftsanwendungen deutlich beschleunigt. Aufgrund dieser Vorteile können Low-Code-Plattformen die Kosten für die Planung des Projekts, das Training der Mitarbeiter und die Erstellung und Fertigstellung der IT-Anwendung deutlich senken,
schreiben die Analysten von Forrester.

ML für den digitalen Zwilling
Doch zurück zur Edge: Im Rahmen von Siemens Industrial Edge zeigen die Münchener auf der Hannover Messe neue Applikationen für Sinumerik Edge. Gezeigt wird die Edge-Applikation Analyze MyWorkpiece/Capture, mit der die Aufzeichnung von Echtzeitdaten rund um die Werkstückbearbeitung möglich ist, sowie die speziell darauf abgestimmte CNC-Shopfloor-Management-Applikation Analyze MyWorkpiece/Toolpath, mit deren Hilfe die erfassten Daten visualisiert und analysiert werden können. Außerdem stellt Siemens mit Analyze MyMachine/Condition eine Edge-Applikation im Bereich der Zustandsüberwachung von Werkzeugmaschinen vor.
Dazu kommt: Die neueste Version der NX-Software wird um maschinelles Lernen (ML) und künstliche Intelligenz (KI) ergänzt. Die neuen Funktionen sind in der Lage, anstehende Schritte vorherzusehen und die Benutzeroberfläche entsprechend anzupassen. So können Anwender die Software effizienter nutzen und produktiver arbeiten, versprechen die Entwickler. Die Möglichkeit, die Benutzeroberfläche automatisch an Bedürfnisse verschiedener Anwendertypen in unterschiedlichen Abteilungen anzupassen, führt auch zu einer höheren Akzeptanz. Das resultiert schließlich in einem qualitativ hochwertigeren, computergestützten Technologiesystem (CAx-System) und in der Abbildung eines noch stabileren digitalen Zwillings.

Robert Weber


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