5. Februar 2019

Agile Transformation bei BMW

“Bei uns gibt es keine klassische Chefrolle mehr”

Marcus Raitner, Agile Transformation Agent bei der BMW Group IT, duldet Manager klassischen Zuschnitts in der Organisation nur, solange sie in ihren Entscheidungsbefugnissen Abstriche machen.

 

Herr Raitner, schon mal daran gedacht, Ihren CEO zu entmachten?
Marcus Raitner: Nein. Wie kommen Sie darauf?

 

Um die digitale Transformation zu stemmen, arbeiten Unternehmen daran, Mitarbeiter zu Entscheidungsträgern zu machen – mitunter mit basisdemokratischen Konzepten. Braucht es noch Führungskräfte?
Marcus Raitner: Eine Demokratie erzeugt ja auch wieder Hierarchie. Zwar eine gewählte, demokratisch legitimierte. Aber das ist nichts anderes als eine Macht auf Zeit. Unternehmen brauchen doch etwas ganz anderes. Es geht darum, dezentrale Entscheidungsstrukturen zu schaffen. Die Welt dreht sich schneller, da braucht es Tempo. In den gewohnten Gremien und Hierarchien geht alles viel zu langsam. Unternehmen müssen Entscheidungsmacht an die Peripherie abgeben, Subsidiarität fördern. Das ist oftmals das Gegenteil davon, wie hierarchische Organisationen aufgesetzt sind.

 

Das Management muss sich also zurücknehmen.
Marcus Raitner: Ja, und damit tun sich viele Führungskräfte schwer. In Unternehmen schaffen Mitarbeiter in der Regel den hierarchischen Aufstieg, weil sie Experte in ihrem Gebiet sind. Manchmal verliert man dann durch eine Beförderung einen guten Experten und gewinnt eine schlechte Führungskraft. Damit sind die Organisationen seit Jahren konfrontiert.

 

Die Lösung?
Marcus Raitner: Loslassen können. Wie Netflix-CEO Reed Hastings. Der freut sich über Quartale, in denen er überhaupt keine Entscheidungen mehr trifft, sie stattdessen Mitarbeiter treffen lässt. Oder wenn wir in unsere Organisation schauen: Sie können bei uns gern Experte bleiben, dann werden Sie Product Owner, haben keine Mitarbeiterverantwortung, aber dürfen entscheiden, wie Sie ihr (IT-)Produkt weiterentwickeln. Dazu haben Sie ihr Budget, über das sie frei verfügen können, sowie ihre stehenden Teams. Oder Sie werden Chef, also eine disziplinarische Führungskraft, dann dürfen Sie aber nicht mehr fachlich reinquatschen, sondern sind voll für die Entfaltung der Mitarbeiter verantwortlich.

Und als dritte Rolle kommt der Methodencoach in Form des Scrum Masters dazu. Er sorgt dafür, dass das Team laufend produktiver wird. Was früher in der klassischen Chefrolle mehr schlecht als recht vermischt wurde, falten wir in drei neue Rollen auf. Daraus ergeben sich natürlich Fragen. Es werden aber auch welche aufgelöst.

 

Sie sind als Transformation Agent seit 2015 bei BMW, seit dem Vorjahr arbeiten Sie an der organisatorischen Neuausrichtung der BMW Group IT  mit ihren rund 5000 Mitarbeitern. Wie begeistert ist die Belegschaft von Ihrer Idee, Veränderung nicht mehr als Ausnahme, sondern als Regel zu begreifen?
Marcus Raitner: Man merkt, dass die Leute Lust auf die neue Organisationsform mit ihren kurzen Entscheidungswegen haben. Die Teams können autonom und selbstorganisiert handeln – in projektloser Arbeit. Wenn ein interner Kunde einen Auftrag an die IT hat, muss er keinen Antrag für ein Projekt einbringen und wochen- oder montatelang auf eine Genehmigung warten. Er geht idealerweise zum zuständigen Product Owner und der entscheidet, ob das Feature mit welcher Priorität eingeplant wird und vielleicht dann schon in den nächsten drei Wochen umgesetzt wird.

 

Marcus Raitner, 44, ist seit 2015 Agile Coach und Agile Transformation Agent bei der BMW Group IT in München. Seit 2016 treibt er dort den Aufbau einer agilen Produktorganisation voran. Der promovierte Informatiker ist seit 2010 Betreiber des Blogs fuehrung-erfahren.de. © BMW

Autor: Daniel Pohselt


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